Symposium [IMAGE MATTERS] und image/con/text an der Hochschule Hannover. Foto: Michael Braunschädel

Symposium [IMAGE MATTERS] und image/con/text an der Hochschule Hannover. Foto: Michael Braunschädel

Nachbericht: BILD – TEXT – KONTEXT

Symposium „image/con/text“ erkundet das Zusammenspiel von Bild, Text und Kontext am Beispiel aktueller dokumentarischer Arbeiten
Ein Konferenzbericht von Elisabeth Schindler

Unter dem Titel „image/con/text. Komplementäre Zeugnisse im dokumentarischen Diskurs“ lud der Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover am 29./30. Oktober 2019 Studierende und Fachpublikum zum zweiten Symposium der Plattform [IMAGE MATTERS] auf die Expo Plaza.
Nach dem erfolgreichen Erstling „Images in Conflict“ in 2017 beschäftigt sich die Plattform dieses Jahr mit dokumentarischen Diskursen und Fragen nach der Wechselwirkung von Bild und Text und tut dies anhand konkreter Beispiele aktueller (nicht nur foto-)dokumentarischer Arbeiten.
Kann ein einzelnes Bild tatsächlich mehr als tausend Worte sagen? Wie beeinflussen visuelle und verbale Elemente einander? Stärken oder relativieren, ergänzen oder überlagern, beglaubigen oder hinterfragen sie sich? Auf welche Weisen tragen Bild-Text-Verhältnisse zur Bedeutungsproduktion einer dokumentarischen Arbeit bei? Und welche neuen Anregungen, Argumentationen und Ansätze gibt es, Bild und Text zum Zwecke dokumentarischen Erzählens miteinander zu verweben?
Diese und viele weitere Fragen fanden in den Vorträgen und Podiumsdiskussionen mit hochkarätiger internationaler Besetzung aus Indien, den USA, Belgien, Spanien und Deutschland zu Antworten als auch offenen Enden, die zur weiteren Auseinandersetzung anregen.

Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach hält den ersten Vortrag des Symposiums mit dem Thema "Bild und Kontext". Foto: Betty Einhaus

Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach hält den ersten Vortrag des Symposiums mit dem Thema „Bild und Kontext“. Foto: Betty Einhaus

Brauchen Bilder Text?
Zum Einstieg in das Symposium erläuterte Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach, was unter dem Begriff der semantischen Anomalie der Bilder zu verstehen sei. In einer ersten These argumentierte er, dass Bilder wahrnehmungspsychologisch zwar unmittelbar funktionieren (wer Augen hat, kann das Bild erblicken), Bilder jedoch im Hinblick auf intendierte Bezüge, symbolische Anspielungen und von dem*der Autor*in intendierten Zweck des Bildes unbestimmt blieben. Für Text verhalte es sich umgekehrt. In seiner zweiten These argumentiert Sachs-Hombach, dass Bilder in hohem Maße kontextabhängig und ideologisch anfällig seien, was von Bildproduzent*innen reflektiert werden müsse: Publikationsort und -form (z.B. Einzelfoto in der Zeitung vs. kuratierte Ausstellung) als auch die kognitiven Voraussetzungen der Betrachtenden beeinflussen die hergestellte Bildbedeutung. Beide Thesen zusammengenommen legen nahe, dass durch eine synergetische Kombination von Bild und Text (über die klassische ‚caption‘ hinaus) die Bedeutungskonstruktion von den Bildautor*innen beeinflusst werden kann bzw. dass im Sinne verantwortlicher Autor*innenschaft ein dokumentarisches Bild hinreichend kontextualisiert werden muss, um Fehlinterpretation oder ideologischer Vereinnahmung vorzubeugen.
/ Erste Impulse, wie diese Wesensmerkmale von Bild und Text für die dokumentarische Er-zählung fruchtbar gemacht werden, gab das Symposiums-Panel „layered contexts“. Die Praxis-Vorträge beschäftigten sich mit dem bewusst gestalteten Zusammenspiel von Bild und Text in zwei sehr unterschiedlichen Medien: im dokumentarischen Comic sowie im künstlerisch-dokumentarischen Film.

Foto: Michael Braunschädel

Foto: Michael Braunschädel

(K)ein Bild sagt mehr als tausend Worte
Dass ein Bild allein, ohne den Kontext von Sprache oder weiteren Bildern, zunächst eigentlich gar nichts sagt, darin waren sich Comickünstler Kai Pfeiffer und Prof. Dr. Friedrich Weltzien einig. Im performativen Theorie-Praxis-Gespräch sinnierten sie darüber, wie Bildproduzent*innen Bild-Text-Kontexte so gestalten könnten, dass ein Bild tatsächlich etwas zu ‚sagen‘ hat. „Der Comic kennt unterschiedliche Ebenen und Techniken, Text und Bild zu kombinieren, so dass Bildkontexte entstehen“. Am Beispiel der bekannten Arbeit Didier Le-Fevres, The Photographer – Into War-Torn Afghanistan With Doctors Without Borders, und anderer dokumentarischer Comics wurde anschaulich, wie Fotografien, Zeichnungen und Collagen, Kotexte und Paratexte sich gegenseitig kontextualisieren und eine dokumentarische Erzählung herstellen können. Zugleich wurde deutlich gemacht, mit welchen Strategien diese Elemente sich gegenseitig als dokumentarische Zeugnisse authentifizieren und verstärken. https://revuemondaine.blogspot.com/
In seinem Vortrag stellte Thomas Helbig Erkenntnisse aus seinem laufenden Promotionsprojekt zum Werk des Filmkünstlers Jean-Luc Godard vor. Der Vortrag widmete sich verschiedenen historischen Stationen in Godards Schaffen und beleuchtete von dort aus jeweils neu das Verhältnis von Bild und Sprache – und Godards Kritik daran.

Syposium images/con/text               Porf. Em. Fred Ritchin Foto: Cilia Klinger

Syposium images/con/text Porf. Em. Fred Ritchin Foto: Cilia Klinger

„Photography is supposed to be useful to improve the world“
Als Abschlussvortrag des ersten Tages hielt Prof. em Fred Ritchin ein mitreißendes Plä-doyer für diverse Formen der Bedeutungsbestimmung von Bildern. Anstelle eines „Quanten-kollapses der Bildbedeutung“ durch allzu vereindeutigende Bildunterschriften könnte man mit Bild, Text und originellen Darstellungsformen einen „Hypertext“ mit informativem und interak-tivem Mehrwert schaffen: „the real story is a conversation in which the author is only one partner of the conversation“. Man könne Arbeiten so konzipieren, dass ein Publikum mit den Bildern in Interaktion treten, Medienkompetenz üben und eigene Standpunkte entwickeln könne (siehe z.B. 4-Corners-Project). Einen starken Punkt machte Ritchin auch für eine friedensorientierte Narration im dokumentarischen Journalismus; wo diese möglich sei, kön-nen Themen anstelle eines war narratives verstärkt im Hinblick auf Resilienz, Heilung und Friedensengagement erzählt werden (siehe z.B. VR-Dokumentation Clouds over Sidra). Dass es kaum Preise für Friedensfotografie gibt, benannte Ritchin als Symptom für das feh-lende Bewusstsein über den Bedarf an eben solchen visuellen Narrativen. https://www.icp.org/users/fredritchin; https://fourcornersproject.org/ und https://www.with.in/watch/clouds-over-sidra/

// Das zweite Panel „Weaving Hidden Stories“ beschäftigte sich mit Bild-Text-Verhältnissen und der Frage, ob durch den Einsatz von Bild und Text Unsichtbares sichtbar gemacht wer-den könnte.

Vortrag Counter Narratives von Prof. Eva Leitolf. Foto: Michael Braunschädel

Vortrag Counter Narratives von Prof. Eva Leitolf. Foto: Michael Braunschädel

Über die Anwesenheit von Abwesenheit
Die Projekte Postcards from Europe und Deutsche Bilder – Eine Spurensuche von Prof. Dr. Eva Leitolf beschäftigen sich mit Orten, die eng mit Migration oder rassistischer Gewalt ver-knüpft sind, ohne jedoch jemals konkrete Personen zu zeigen. Das Stilmittel der „Anwesen-heit von Abwesenheit“ wirft Fragen über das (Un-)Sichtbare auf und vermeidet die Produkti-on vereindeutigender Opfer- oder Täterrepräsentationen. Die bewusst entkoppelten Text-elemente lösen die Frage nach der Unsichtbarkeit mit ausführlichen Hintergrundinformatio-nen zu Ort und Geschehnissen auf. Um die intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten zu bewirken, entkoppelt Leitolf Ausstellungsfotografie und Hintergrundtext räumlich so weit voneinander, dass die Rezeption von Text und Bild versetzt und durch das „Aufsuchen“ der Information bewusster geschieht, als es beim Überfliegen einer klassischen Bildunterschrift der Fall wäre. https://www.evaleitolf.de/
Dr. Anja Schürmann stellte anhand von drei research-based Fotobüchern Beispiele vor, wie mithilfe von Dokumenten (z.B. Amtspapiere, Briefe und Anzeigen) Vergangenes rekonstruktiv und multimedial erzählt werden kann. Research-based Fotobücher beschreibt Schürmann als junges Phänomen, das sich u.a. dadurch charakterisiert, dass dort verschiedenste vom Original gescannte Textdokumente „zum Bild egalisiert“ würden, Text und Bild also die gleiche „ontologische Würde“ und Bedeutsamkeit für das dokumentarische Gesamtnarrativ zuerkannt würde.
Dem Thema der Darstellung von Ungesehenem, Abwesendem und Unsichtbarem widmet sich auch Edmund Clark in seinen Projekten zu Hafterfahrungen in Guantanamo Bay. Wie zeigt man das Erleben von in Guantanamo inhaftierten, nicht zu fotografierenden Menschen? Clark nutzt Verhörprotokolle und private Briefe von Gefangenen, die geprüft, geschwärzt, zensiert, verändert und gestempelt, die totale Kontrolle des Gefängnispersonals über die Gefangenen ins Visuelle übersetzen (siehe Guantanamo: if the light goes out). Im Projekt Orange Screen nutzte Clark hingegen die Strategie, ikonische und in staatlicher Propaganda mächtige Bilder eben nicht zu zeigen, sondern in einer textlichen Repräsentation vor orangem Hintergrund zu evozieren. Auch der Text vermag es in den meisten Fällen, das ikonische Bild klar und sofort erinnern zu lassen. Da das Foto nicht gezeigt wird, vermeidet Clark die Reproduktion seiner Propaganda und schafft stattdessen einen Raum, über die Präsenz dieser Bilder im kollektiven Gedächtnis und die repräsentative Macht massenmedial zirkulierter Bilder selbst nachzudenken. https://www.edmundclark.com/

Ein Gast des Symposiums stellt zwei Fragen. Foto: Betty Einhaus

Ein Gast des Symposiums stellt zwei Fragen. Foto: Betty Einhaus

Schlaglichter des Podiumsgesprächs
In der Podiumsdiskussion zum Panel moderierte Prof. em Fred Ritchin das Gespräch mit den Referent*innen des Vormittags, denen gemeinsam ist, dokumentarisch zu arbeiten und Text als zentralen Bestandteil der Arbeit zu integrieren, dabei aber auf das explizite Zeigen von Protagonist*innen zu verzichten.
Eine der Fragen Ritchins ging der bewussten Entscheidung des Nicht-Zeigens nach. Hierauf betonte Leitolf, dass das Nicht-Zeigen der Subjekte die Individuen vor der Reduktion auf ein Thema/ eine Rolle schütze. Ein explizites Zeigen von beteiligten Personen verzerre den do-kumentarischen Charakter der Arbeit zu sehr durch den Blick der Autorin. Die entstehende Leerstelle suche Leitolf durch den Text zu füllen. Für Edmund Clark erweist sich das Fotografieren in sensiblen Kontexten staatlicher Sicherheit oftmals als unmöglich. Zu zeigen, dass Folter und Ent-Menschlichung von Verdächtigen und Gefangenen so systematisch sei, dass sie sogar durch Dokumente visualisierbar würde, sei für ihn Kompromiss und besondere Gelegenheit zugleich.
Ritchins Frage auf die Chancen dieses Ansatzes beantwortete Eva Leitolf mit dem Hinweis auf die Repräsentationspolitik und die Gelegenheit, anderen Geschichten als den dominan-ten Narrativen Raum zu geben. Für Clark bietet diese Form dokumentarischer Arbeit die Möglichkeit source material für zukünftige Generationen sicher zu stellen, die ihnen wichtige und persönliche Fragen zur Auseinandersetzung für ihre gegenwärtigen Themen stellen würden.
Welchen Grad von Medienkompetenz verlangen komplexen Arbeiten dem Publikum ab? Wie hochschwellig ist der Zugang?, waren weitere zentrale Fragen der Diskussion.
Nach Leitolf sein für jedes visuelle Medium eine entsprechende Medienkompetenz nötig. Zentral sei zunächst, überhaupt Zugang zu den Institutionen wie Ausstellungen zu erhalten. Schon dieser Zugang zeuge von Privilegien. Wichtig sei auch der Aspekt der Zeit, die das Publikum sich nehmen muss, um sich mit der Arbeit auseinanderzusetzen. Calrk betonte, dass die unterschiedlichen Veröffentlichungskontexte derselben Arbeit ein jeweils anderes Publikum erreichten (als Fotobuch, als Bildstrecke in Onlinenachrichten, als Fotoausstel-lung).

/// Das letzte Panel des Symposiums „Found in Translation“ nahm im weitesten Sinne Über-setzungsprozesse in den Blick: Prozesse der Verhandlung und kritischen Befragung von Bedeutung, der Umschreibung und Neu-Interpretation. Im Fokus stand dabei stets die Kon-textualisierung als Voraussetzung von Sinnkonstitution und Wirksamkeit. Was kann Neues entstehen, wenn sich Gebrauchskontexte, Formate und Genre verschieben?
In ihrem ersten Vortrag außerhalb Südostasiens stellte Alisha Sett die kollaborative Arbeitspraxis des Kashmir Photo Collectives und das auf diese Weise entstandene „Entliehene Archiv“ vor, das diverse historische Bildmaterialien aus der seit Jahrzehnten umstrittenen Region Kaschmir versammelt. Mit der Intention, die entscheidende Lücke zwischen touristischen Ansichten und militärischen Repräsentationen zu füllen, recherchiert und digitalisiert das Kollektiv Familienfotografien und rekonstruiert Geschichte(n) in persönlichen Gesprächen. Die Befunde werden handschriftlich auf Farbprints der Original-Fotografien dokumentiert, während die Leihgeber*innen der Fotografien die Kontrolle über die Originale behalten. Das Archiv dient der Rekonstruktion, (Wieder-)Aneignung und Dokumentation von Familien- und kollektiver Geschichte in der Kaschmir-Region. https://www.kashmirphotocollective.com/

Vortrag Margins of Excess von Max Pinckers. Foto: Michael Braunschädel

Vortrag Margins of Excess von Max Pinckers. Foto: Michael Braunschädel

Margins of Documentary
In seinem Fotobuch Margins of Excess beschäftigt sich Max Pinckers mit mehreren realen Geschichten von Menschen, Geschichten, in denen Imaginationen und Fantasie eine zentrale Rolle spielten und die Teil einer medialen Berichterstattung wurden. Ein KZ-Überlebender mit einer imaginären Freundin, ein U-Bahn-Dieb mit Asperger-Syndrom; diese und andere Zeitungsgeschichten rekonstruiert Max Pinckers in seinem Buch mittels Medienbildern, Zei-tungsartikeln, selbst geführten Interviews mit den Protagonist*innen und eigenen Fotografien – nicht ohne jedoch in die Narration ganz bewusst hier und da seine eigenen fiktionalen In-terpretationen einzuflechten. Wo endet hier das Dokumentarische, wo beginnt die Fiktion? Was darf Dokumentarismus? www.maxpinckers.be

Joan Fontcuberta unterhielt als letzter Redner des Symposiums das mittlerweile etwas erschöpfte Publikum gekonnt mit verschiedenen überaus originellen Bild-Text-Konzepten. Besonders gut in Erinnerung blieb sicher vielen das „Googlegramme“, bei dem ein ikonisches Foto in Pixel zerlegt und diese Pixel wiederum durch entsprechend angeordnete Miniaturbilder ersetzt werden, welche eine Google-Bildersuche zuvor zu einem gewünschten Text-Begriff ausgegeben hat. So wird ein ikonisches Bild (z.B. Gefangenenfoto aus Abu Ghraib, brennende Twin Towers) durch einen Begriff und tausende visuelle Repräsentationen dieses Begriffs gleichzeitig rekonstruiert, kontextualisiert und kommentiert. https://www.fontcuberta.com/
Im abschließenden, kurzen Podiumsgespräch kommentierte Fontcuberta die Frage nach der Übersetzung ins Visuelle und der Herstellung von Kontext:
„There is never no context. Translation is depending on the environment it is set in. Translation also means losing some of the original parts of the language it has been created in. However though, it is a poetic process, because new meanings are created this way.”

Eine Buchpublikation zum Symposium wird in der ersten Hälfte des Jahres 2020 veröffentlicht.
Web: http://image-matters-discourse.de
Organisiert wurde das Symposium durch das Team von [IMAGE MATTERS]:
Prof. Dr. Karen Fromm, Sophia Greiff, Malte Radtki und Anna Stemmler
Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie, Fakultät III – Medien, Information und Design, Hochschule Hannover.