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Die Rückkehr der Wölfe | Alexander Ziegler

Der Foto-Essay Die Rückkehr der Wölfe beschäftigt sich mit der bayerischen Peripherie entlang der Deutsch-Tschechischen Grenze. Die Fotografien erkunden die Weißen Flecken der Landkarte, streifen durch Orte mit und ohne Erinnerung und treffen auf Menschen, die sich gerne wundern. Die Arbeit besteht im Wesentlichen aus fünf unterschiedlichen Kapiteln deren Themen und Struktur ich im Folgenden näher erläutern möchte.

Die Landschaft kann nichts dafür, die ist ja nicht böse handelt von dem kleinen Dorf Flossen-bürg im Oberpfälzer Wald, in dem von 1938 bis 1945 ein Konzentrationslager bestand. In einem nahe-gelegenen Granit-Steinbruch fielen dort tausende Zwangsarbeiter der sogenannten ‘Vernichtung durch Arbeit’ zum Opfer oder wurden gegen Ende des Krieges systematisch und gezielt exekutiert. Das Kapi-tel beschäftigt sich mit der Darstellbarkeit und Wahrnehmung des historischen Erinnerungsortes Flos-senbürg. Der Titel des Kapitels ist ein Zitat eines Einwohners der Ortschaft und macht deutlich, auf welch mitunter absurde Weise zeitgeschichtliche Ereignisse mit ihren Orten verknüpft werden. Dieser unfreiwillig komische Titel soll den Rezipienten der Arbeit dazu verleiten, sich bei der Betrachtung der Fotografien Fragen über das Verhältnis zwischen Ort und Geschichte im Bezug auf die NS-Vergangenheit Deutschlands zu stellen. Fotografien der ehemaligen KZ-Anlage werden kommentarlos mit Aufnahmen des traditionellen Aufstellens eines Maibaums verbunden und sollen den Betrachter irritieren, da der Bezug zwischen den Bildern völlig unklar bleibt. Diese Ungewissheit in der Bezug-nahme stellt die Herausforderung an den Betrachter da, sich nicht mit einer vorgefertigten Aussage über Erinnerungsorte und deren historisch bedingter Konnotation zufrieden zu geben, sondern eigene Assoziationen zuzulassen und eigene Interpretationen anzustellen. In direkter Verbindung dazu steht, gewissermaßen als Nachtrag der Arbeit, der Epilog: Frei, sozial und national! in dem die Spuren des Nationalsozialismus über die Orte hinaus bis in die heutige Gesellschaft weiterverfolgt werden. Der Epilog zeigt das im Juli 2011 aufgelöste Grab des Hitlerstellvertreters Rudolf Heß und einen Demon-strationszug einer aktuellen Neo-Nazi-Vereinigung, die sich auch und gerade in den ländlich-peripheren Gebieten Ostbayerns, Räume aneignet.
Das Kapitel Ort mit W beschreibt verschiedene, unspezifische Ortschaften, die alle den An-fangsbuchstaben W gemeinsam haben. Der Titel ist natürlich humorvoll zu verstehen, das Kapitel be-schäftigt sich mit den Banalitäten und Alltäglichkeiten der Region. Bilder von Straßenzügen, Land-schaften, Architekturen und Menschen fördern Klischeehaftes, Absurdes, Langweiliges und Überra-schendes über die Region zu Tage. Die Bilder werden nicht näher erläutert, die Bezugnahme bleibt ungewiss. Das Wechselspiel aus nah und fern, Mensch und Umwelt, Klarheit und Rätselhaftigkeit er-zeugt eine fiktive Wirklichkeit die durch ihre Differenz zur Realität mit den Aneignungsprozessen und Bedeutungskonstruktionen des Betrachters spielt. Daraus ergibt sich eine nachhaltige Offenheit, die freie Assoziationen erlaubt, geradezu herausfordert. Ich möchte meine persönliche Neugier aber auch Ratlosigkeit gegenüber der Welt an den Betrachter meiner Fotografien weitergeben.
Parallel dazu erzählt das Kapitel Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete von den struk-turellen Veränderungen der Region seit den 90er Jahren. Bis dahin werden die Gebiete entlang des Ei-sernen Vorhangs als Bollwerk gegen die kommunistische Sowjetunion stilisiert und können von massi-ver Wirtschaftsförderung profitieren. Textil- und Porzellanindustrie sind die starken, scheinbar unver-gänglichen Schlüsselindustrien, die den Stolz und die Identität der Region ausmachen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs befindet sich die Region von heute auf morgen mitten in Europa, die Industrie-betriebe werden von den Bedingungen und Wirkungen des neuen, globalen Marktes innerhalb weniger Jahre beinahe vollständig zerstört. Das Kapitel beschäftigt sich mit den Spuren der alten Industrien, den aktuellen Rückbaumaßnahmen und den Menschen der ehemals stolzen Kleinstädte Nord-Ost-Bayerns. Die Bilder wirken trotz ihrer referenziellen Bedeutungen unwirklich, fast schon kulissenhaft. Auch hier werfe ich bewusst Fragen auf, die sich letztlich mit dem europäischen Gedanken beschäftigen. Welche Haltung gegenüber dem Konzept Europa möchte der Betrachter einnehmen? Wie verbindet man die subventionsfreudige Europäische Union mit den Brachflächen ehemaliger Industriestandorte entlang der Bayerisch-Tschechischen Grenze? Und wie steht es um die Wahrnehmung und Sichtbarkeit euro-päischer Identität und Integration? Diese Fragen werden gestellt, aber nicht schlüssig beantwortet. Es geht vielmehr darum, den europäischen Begriff in seiner Komplexität, Vielschichtigkeit und Unbe-stimmtheit zu belassen und dem Betrachter keine vorgefertigten Ansichten über Europa anzubieten.
Das Kapitel Resl hat geholfen! handelt von der kleinen Ortschaft Konnersreuth, die vor allem in katholischen Kreisen in der ganzen Welt bekannt ist. Von 1926 bis zu ihrem Tod im Jahr 1962 trägt die tiefreligiöse Konnersreuther Schneiderstochter Therese Neumann die Stigmata Jesu Christi und lebt 35 Jahre ohne Nahrung. Schon zu Lebzeiten wird sie wie eine Heilige verehrt und soll schwerkranke Men-schen geheilt haben. Heute ist die Ortschaft einerseits stark geprägt vom Leben und Wirken der Resl von Konnersreuth andererseits aber auch ein äußerst unscheinbarer, unspektakulärer und langweiliger kleiner Ort irgendwo im Bayerisch-Tschechischen Grenzgebiet. Der starke Kontrast zwischen bzw. das fast schon absurde Nebeneinander von Profanität und Heiligkeit, sowie der gemeinschaftliche Umgang mit dem spirituellen Vermächtnis Therese Neumanns sind die Themen der Bilder in diesem Kapitel. Irritierend sind nicht die fehlenden Bezüge, sondern die Fragezeichen die im Betrachter übrig bleiben, da die Fotografie nicht ausreicht, um eine zufriedenstelle Erklärung der gezeigten Phänomene zu ge-ben. Es handelt sich um eine Art Anti-Nachricht. Die Bilder sind zu ungenau, zu vage und wirken zu beliebig um sie als ausgewogene Informationsvermittlungen zu verstehen. Durch dieses unsichtbare, mysteriöse Spektakel möchte ich innerhalb der Arbeit einen überraschenden Wechsel der Erzählstrate-gie und eine perspektivische Verschiebung erreichen.
Ebenso an eine konkrete Persönlichkeit geknüpft, ist das Kapitel Gleissend. Protagonist, oder je nach Sichtweise auch Antagonist, ist ein junger, verschrobener Wanderschäfer, der aufgrund seines Berufs große Teile der Region, von der die Arbeit insgesamt handelt, im wörtlichen Sinne durchstreift. Er bildet einen starken Gegensatz zur Person der Therese Neumann, da er alles andere als religiös oder gar heilig ist und verkörpert den Typus des Außenseiters bzw. sogar Aussteigers. Sein Beruf scheint völlig aus der Zeit gefallen zu sein und bildet daher für ihn den idealen Rückzugsort. Die Bilder dieses Kapitels beschäftigen sich mit dem privaten und beruflichen Alltag des Wanderschäfers und sind als Allegorie auf das Sich-Verweigern gedacht. Die Bildfolge wird zur Anti-Reportage da sie sich einer-seits eines vordergründig beschreibenden Stils bedient, der Beschreibung aber andererseits keinen Be-deutungskontext zuweist. Der Betrachter erfährt im Grunde nichts über den Protagonisten und muss sich mit den Informationen, die er glaubt aus den Bildern lesen zu können, zufrieden geben. Die sinn-hafte Einordnung oder Zuordnung des Protagonisten als Person gelingt nicht. Es geht nicht um die blo-ße Beschreibung des Alltags eines Wanderschäfers, sondern vielmehr um dessen Interpretation, um den Sprung vom bildlich Gesagten ins Gemeinte.

Die anfängliche Motivation, mich gerade mit dieser Region zu beschäftigen, basiert auf meinem per-sönlichen Zugang zur bayerischen Provinz. Da ich in Niederbayern geboren und aufgewachsen bin, habe ich generell einen heimatlichen Bezug zu Bayern und der bayerischen Gesellschaft. Dieser per-sönliche Blickwinkel lässt mich auf das allgemeine, klischeehafte Bild dieser Region oftmals mit ei-nem gewissen Unbehagen reagieren. In der gesamtdeutschen Wahrnehmung ist das Bundesland Bayern sehr stark belegt mit bestimmten Vorstellungen und Assoziationen, wie beispielsweise die landschaftli-che Idylle, ein gemütlicher Lebensstil, seltsame Dialekte oder die naiv-romantische Heimatverbunden-heit der ländlichen Bevölkerung. Doch neben Bierkultur und Alpenkitsch gibt es aus meiner Sicht in-teressantere und differenziertere Geschichten über dieses Land zu erzählen. Der Wunsch nach einer alternativen Darstellung Bayerns, welche bestimmte Klischees zwar aufgreift, aber gleichzeitig auch kontrastiert, begründet mein persönliches Interesse an der Nord-Ost-Bayerischen Provinz. Doch nicht nur das Spiel mit Klischees, sondern auch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Veränderun-gen und historischen Bezügen sind entscheidende Grundinteressen für Die Rückkehr der Wölfe.



Über den Autor

Alexander Ziegler
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